




Herkunft:
1983 // ein Mitbringsel von Omas ersten Besuch im Westen
Aus dem Bilderarchiv:

1983 // v.r. Christel, Christiane (Papas Schwester), Papa, Mama. Auf der Treppe: Oma mit Hocker und Opa.
Grillfest in Omas Hausgarten im August '83.

1983 // v.r. Christiane, Papa, Mama, Oma (Brille), Gunther (dahinter), Christel (vorne links)
Geschichte (mit Sondergenehmigung):
Da ihr Bruder Hans im August 1983 seinen 70. Geburtstag feierte, durfte Oma, mittels Sondergenehmigung vom Staat, die DDR für 6 Tage lang gegen die BRD eintauschen. Onkel Hans, damals wohnhaft in Treuchtlingen, war Vater von Manfred, der mit seiner Frau Renate, in Ingolstadt lebte.
Oma, im gezügelten 'Westkaufrausch', kaufte Mitbringsel in Ingolstädter Kaufhäusern und erstand ein gestreiftes Sommerkleid für Christiane und frische Pfirsiche für sich. Da es aber heißester August war und die Pfirsiche die lange Rückfahrt in den Osten, allem Anschein nach, nicht heil überstanden hätten, kaufte Oma, im Affekt, noch eine besonders moderne Kühltasche für die Pfirsiche (und sich).
Christianes Kleid, ein buntgestreiftes mit eingesticktem Logo, wurde, als gutes Westkleid von ihr im Sommer '83 heiß geliebt und oft getragen. Coole Grillfeste, laue Sommerabende und fetzige Gartenfeten teilte Christiane mit ihrem Kleid von Drüben. Sie aßen und tranken gemeinsam, lachten und weinten gemeinsam, sie waren ein Herz und eine Seele, solange es warm war. Selten war eine austauschbare Strickjacke dabei. Sie lebten ihren gemeinsamen Sommer als würde es kein Morgen geben.
Eines Tages, im Sommer 1984, schrecklich aber unausweichlich, war das kleine, bunte Westkleidchen für junge, wilde Teenagerinnen plötzlich mehr als out und Christiane trat ihr einst geliebtes Kleid an ihre Mutter (meine Oma) ab. Die trug es fortan als luftiges Gartenkleidchen bis es den ewigen Schlaf im Dachbodenschrank antreten musste.
Da lag es nun zusammengelegt und leise schluchzend, bis ich es fand.



oben // Ich beginne eine Zettelwirtschaft und beschrifte interessante Flecken auf der Vorderseite des Kleides


oben // fertige Beschilderung markanter Flecken, Felix (Familienhund seit Ewigkeiten) in seinem Körbchen



oben // Fleck Nr. 1
Arbeitsschritte: Sticken, Sticken, Sticken, Sticken und bei Unleserlichkeit auf pinkem Streifen mit schwarzen Filzstift nachhelfen. Dann weiter Sticken.


oben // Fleck Nr. 2



oben // Fleck Nr. 3



oben // Fleck Nr. 4



oben // Fleck Nr. 5



oben // Fleck Nr. 6



oben // Fleck Nr. 7



oben // Fleck Nr. 8



oben // Fleck Nr. 9


oben // Fleck Nr. 10








oben // Gestreiftes Grillkleid fix und fertig in Aktion ohne jeglichen Schnickschnack


oben // Gestreiftes Grillkleid mit Taille durch Omas selbst gebastelte Goldkordel



oben // Gestreiftes Grillkleid mit familiärer Hausmacherwurst, die sehr lecker schmeckt.
Außerdem hegt das Grillkleidchen eine Affinität zu Würsten. Ist ja klar.




oben // Gestreiftes Grillkleid mit sommerlich-eleganten Accessoires in schwarz








oben // detailgenaue Ausschnittvergrößerungen der einzelnen Flecken und Beschriftungen
Transformation:
Ein fröhliches Kleid ist es ja schon immer gewesen, egal ob im Westen oder im Osten Deutschlands. Das liegt an den knallbunten Sommerstreifen, die einem höchstpersönlich und mit erhobenen Zeigefinger verbieten, irgendeinen Trauergedanken aufkommen zu lassen. Ich muss auch sagen, dass ich mich beim finalen Posing im Gestreiften Grillkleid wie im Sommerurlaub gefühlt habe. Auf einmal war mir ganz warm und wohl und hätte ich noch einen mittelgroßen Cocktail mit feingeschnittenem Frischobst und Strohhalm besessen, wäre mein Glück unantastbar gewesen.
Nun hat das Gestreifte Grillkleid ja nicht irgendeine Geschichte, sondern eine höchst historische Ost-West-Vergangenheit.
Gekauft im Westen, geliebt im Osten, hat das Gestreifte Grillkleid nun mehr als 24 Jahre auf dem Buckel. Kein Wunder, dass es nach all den Jahren als kurzfristiges Grillpartykleid an Christiane und langjähriges Gartenkleid an Oma einige Zeitzeugen in Form von Flecken angesammelt hat. Kleider mögen Flecken und Abnutzungsstellen, da es ihre Erinnerungen an alte Zeiten und spektakuläre Erlebnisse frisch hält. So natürlich auch bei unserem Gestreiften Grillkleid.
Leider schafft es kaum ein saisonales Kleidungstück nach so vielen Jahren dem ewigen Schlaf im Dachbodenschrank oder gar dem Altkleidersack zu entgehen, wo Erinnerungen immer unausweichlich verkümmern.
Nur gut, dass Oma fast nie was wegwirft. So fand ich das Kleidchen beim Durchstöbern des Dachbodens ganz zusammengelegt und reichlich demenz. All seine Erinnerungen waren durch die lange Zusammengelegtheit im Dachbodenschrank wie weggeblasen. Da musste ich einfach helfen. Außerdem war ich mehr als froh, es überhaupt gefunden zu haben, denn ich kannte das Kleidchen von alten Familienfotos. Es war so, als würde man einen alten Bekannten nach langer, ungewisser Zeit zufällig wiedertreffen.
Da war es nun, bunt wie eh und je, hier und da ein wenig altersschwach zwar, aber 24 Jahre gehen an niemanden spurlos vorüber. Im Gegenteil, Spuren zierten das Kleid in Massen, Spuren der Zeit in Form von Flecken der unterschiedlichsten Art und Weise (wie ja schon erwähnt). Oma war das erst peinlich, da es ein schlechtes Licht auf ihre hausfäulichen Waschkünste werfen könnte, aber dann konnte ich sie beruhigen und ihr die Wichtigkeit der Flecken als überlieferte Zeitzeugen klar machen .
Zusammen mit Oma machten das Kleid und ich dann eine gedankliche Vergangenheitsreise ins Jahr 1983, wo alles angefangen hatte und viel erlebt wurde. Oma erzählte und das Kleid bestätigte, wir haben gelacht und einmal da waren wir fast den Tränen nahe. Es war ein wunderschöner Nachmittag mit den Beiden. Und damit das Kleidchen auch noch längerfristig was davon hat, stickte ich ihm unzählige Erinnerungsstützen an die schönsten Zeitzeugenflecken.
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