Dienstag, 8. Januar 2008

Produkt Nr.2: Streuobstblaumann für Stadt, Land, Fluss



Herkunft:

1990 // aus Kleiderpaket von wohlhabenden, österreichischen Bekannten
Geschichte:

Als ich mit Oma auf dem Dachboden nach alten Kleidern rumwühlte, entdeckte ich ein
abgeschnittenes Oberteil eines blauen Overalls. Oma hatte ihn zerschnitten weil sie aus praktischen Gründen die Hose lieber mochte als alles andere vom Overall. Sie trug die leichte Baumwollhose mit Vorliebe in ihrem Schrebergarten, oben beim alten Krankenhaus Richtung Tiefurt. Deswegen ist die Hose im Blauton auch erheblich verblichener als die des verschmähten Oberteils.
Der Schrebergarten ist ein ganz typischer mit braunem Zaun, einem kleinen Hä
uschen, Beeten, Obstbäumen, mindestens einer großen Regentonne und so einem ledernen Lappen über dem Gartentürschloss, damit dieses besser vor Regen und Rost geschützt ist. Ich weiß noch, im Häuschen da roch es auch immer ganz typisch, so wie auch alte Autos oder alte Bücher immer ganz typisch riechen. Man richt das Alter. Ich mag diese Gerüche sehr. Im Gartenhäuschen da roch es immer nach Äpfeln, Erde, alter Tapete und modrigen Lappen und Polstern.
Die Hose des Overalls jedenfalls war ganz oft in diesem Garten und in diesem Häuschen. Meistens natürlich im Sommer. Da ist sie fast täglich, vorausgesetzt das Wetter spielte mit, auf dem Fahrrad durch die Stadt bis hin in den Garten gefahren. Hat dort mit Oma Äpfel geschüttelt, ist die alte Holzleiter in den Pflaumenbaum gestiegen, hat heimlich (mit Omas Wissen) die Brombeeren aus Nachbars Garten gepflückt (die waren rüber gewachsen), Bohnen geerntet, Böden umgegraben, Birnen, Himbeeren, Stachelbeeren, Johannisbeeren, Salate jeglicher Art, Kartoffeln gegossen und geerntet und gegen allerlei Schädlinge, wie Schnecken und Kartoffelkäfer gekämpft.



oben // taktisch kluge
Zusammenführung von Ober- und Unterteil



oben // Veränderung der Ärmel


oben // das Streuobst sagt: Hallo, lieber Blaumann.



oben // Überarbeitung der Ärmel



oben // Beinarbeit



oben // fertiger Streuobstblaumann für Stadt, Land, Fluss angezogen und unangezogen
Transformation:
Overalls sind etwas Wunderbares. Ein ganzes, vollendend wärmendes Kleidungsstück.
Eben dieser Ganzheit verdankt der Overall aber auch seinen leicht negativen Ruf als unpraktisches Ding, besonders in Verbindung mit schnellen Toilettengängen.
Da ich Overalls in mein Herz geschlossen habe und ein Kind der Wiedervereinigung bin, kam ich nicht drumherum, die geliebte Gartenhose von Oma mit dem ungeliebten, weggesperrten Oberteil erneut zu vereinen. Dies war nicht einfach, denn beide sträubten sich. Noch nicht mal die gleiche Farbe wollten sie haben. Die Hose zeigte dem Oberteil und mir deutlich seinen Unwillen, als oft getragenes Kleidungsstück mit einem 'ausrangierten' Kleidungsstück verbunden zu werden und das
unwiederbringlich. Auch jetzt, nach der Fertigstellung des Streuobstblaumanns, ist die liebe Hose noch immer in der Trotzphase und kontinuierlich eine Nuance heller als ihr zugehöriges Oberteil. Aber das wird sich schon legen. Selbst die trotzigste Hose muss irgendwann mal das Handtuch werfen.
Oma wird älter und die Tage des Schrebergartens sind gezählt.
Da die liebe Hose also niemals mehr den Garten, das Gartenhäuschen und Omas Fahrrad wiedersehen wird, muss sie sich wohl oder übel an andere Umgebungen gewöhnen. Damit die Streuobst- und Schrebergartenzeiten der Hose in guter Erinnerung bleiben und sie was hat, woran sie sich klammern kann, gesellten sich original Streuobstsorten aus Omas Garten (Apfel, Pflaume, Birne) zur Hose (Hosenbund), auch um alte Erinnerungen nicht verblassen zu lassen. Demnach gut gestärkt und in bester Gesellschaft, kann der kleine Streuobstblaumann jeglicher Vegetation standhalten und macht selbst in Hochwasser noch eine gute Figur. Zu jeder Tageszeit tragbar, egal an welchem Ort, geizt der Streuobstblaumann nicht mit seinen Reizen und zwingt die Strumpfhose aus der Schublade. Diese Tatsache stimmt unsere kleine Trotzhose hoffentlich milder, denn von der Gartenhose zur aufsehenerregenden Kurzversion mit Bauch-flach-machenden Abnähern ist ja nun auch nicht gerade das Schlechteste.

1 Kommentar:

nad hat gesagt…

ich glaub gerade jetzt ist der erste mkoment in dem ich denke: ok, es gibt vielleicht doch einen grund zurück nach weimar zu kommen. so wie alte schuppen und keller einen bestimmten geruch haben, verbinde ich auch so ein wohlig-warmes gefühl irgendwo zwischen herz und magengegend (was liegt da denn?) mit weimar. ich hatte es kurzerhand hier in berlin vergessen, aber grad, da ist es wieder.