Freitag, 22. Februar 2008

Produkt Nr.9: Her mit den Lappen!



Herkunft:
1987 // Blumenstoff aus Westen, genäht im Osten
Aus dem Bilderarchiv:

1987 // v.r. Mama, Oma im Blumenkleid, ich mit Hase und Zylinder, Sebastian mit Papiermaske, Uli (Nachbarsfreund), Oma Dorit. In unserem altem Wohnzimmer in der Belvederer Allee.
Geschichte:
Wenn man 1987 ein Kleid kaufen wollte, dann ist man nicht wie heute üblich, einfach in ein Bekleidungsgeschäft gegangen, hat sich von der Stange was ausgesucht, anprobiert und bei Gefallen gekauft. Damals gab es sehr wenige Geschäfte die überhaupt Konfektionskleidung angeboten haben. Wenn man ein Kleid haben wollte, ging man in ein Stoffgeschäft, die gab es nämlich häufiger, suchte sich einen Stoff aus und ließ sich, beim Schneider des Vertrauens, gewünschtes Kleidungsstück auf den Leib schneidern. Wenn man fingerfertig war und die Hausfrauenschule artig absolviert hatte, konnte man den Stoff natürlich auch selbst vernähen, vorausgesetzt man hatte eine Maschine. Nun war die Stoffauswahl im Osten der späten 80er nicht gerade reichhaltig und man freute sich über jedes eintrudelnde Westpaket, dass Stoffe oder Kleidung inne hatte. Unser farbenfroher Blumenstoff befand sich in einem eben solchen und wurde von Oma persönlich zu Schneider Lessnick nach Buttstädt gefahren, um von diesem in ein alltagstaugliches Stadt- und Landkleidchen umgewandelt zu werden.

Nun muss man dazu sagen, dass unser Blumenstöffchen im Muster zwar herzallerliebst, im Stöffchen aber nicht von edelster Qualität war, so dass das neue Kleid im Blumenmuster von Oma nur selten bis gar nicht getragen wurde und wenn, dann eher an weniger edlen Festtagen und innerhalb des Hauses. Der Stoff bot Oma einfach zu wenig Tragekomfort und war ihr an manchen Tagen optisch zu wagemutig. So fristete das Kleidchen, zwar maßgeschneidert aber ungeliebt, viel Zeit im Schrank und nutzte diese um nachzudenken.



oben // erste Amtshandlung, ich zerlege das Kleid in seine Einzelteile


oben // ein altbekanntes Stöffchen hilft die Wärme zu dämmen und wird fein säuberlich eingenäht




oben // Blumenmuster von allen Seiten festnähen, großes Absteppfinale


oben // ein Henkel aus Neon für jeden Lappen


oben // fertige Lappen in trauter Zweisamkeit an ihrem neuen Platz in meiner Küche
Transformation:
Oma gab mir selten ein Kleidungsstück so bereitwillig und schnell heraus, wie dieses grüne Blumenwiesenkleidchen.
Ungeliebt, tieftraurig und ein wenig stocksauer kam es in meine Obhut. Was macht man nun mit solch verstörtem Geschöpf? Zunächst behutsam trösten und aufmuntern, vielleicht 1-4 Witze erzählen und wenn alles nichts hilft, gibt man ihm eine neue Aufgabe und somit neuen Lebensmut.
Trösten und Witze versagten kläglich und ich überlegte lange und ausdauernd in mich hinein, welch neue Aufgabe dem Blumenkleid zuteil werden könnte. Durch die Schroffheit des Stoffes war es unangenehm zu tragen, da musste ich Oma wirklich Recht geben. Auch war das Blumenmuster, damals vielleicht hip, heute jedoch eher mega-out, weil visuell anstrengend für alle, die nicht jeden Tag von 70er-Jahre-Party träumen. Das Kleidchen brauchte also eine neue Funktion als Nichtkleidungsstück.
Da es früher eher im Haus als Außerhalb getragen wurde, und ich es nicht gleich überfordern wollte, denn es war wirklich in einem fürchterlich labilen Zustand, beschränkte ich den Wirkungsgrad der neuen Aufgabe auf den innerhäuslichen Bereich. Und da mir die Küche der liebste Raum des Hauses ist, wählte ich diese als neues Zuhause für unser verstörtes Musterkleidchen. Wenn man in meiner Küche neuen Stoff unterbringen möchte, bleiben einem nicht viele Möglichkeiten. Genauer gesagt, es gibt exakt 4 Möglichkeiten: Tischdecke, Putzlumpen, Geschirrtuch und Topflappen. Ok, die Entscheidung viel mir dann doch leicht, neue Aufgabe des labilen Blumenmusterkleidchens: Topflappen. Dieser Transformationsvorschlag brachte das Kleidchen zu einem neuen Gefühlsausbruch, diesmal aber positiver Art und Weise. So heulte es von Neuem, diesmal vor Glück. Es hatte auch allen Grund dazu, lernte es nicht nur einen zweiten Stoff, nämlich den von Omas Steppmorgenmäntelchen kennen und lieben, es war auch zum neuen Küchenstar erkoren, denn Topflappen sind in meiner Küche omnipräsent und stets Blickfang. So ging die Transformation problemlos von Statten und das kleine, traurige Kleidchen wurde viergeteilt, vorgestellt (dem Morgenmantelstoff sowie der Neonwolle), abgesteppt und wartet nun ungeduldig aber glücklich auf die erste Inbetriebnahme als Topflappen in meiner Küche.

Donnerstag, 21. Februar 2008

Accessoire Nr.3: Anglerkette mit Knoten für Meeresbrisenwendejacke



oben // Meeresbrisenwendejacke in sportiv von 1988 und Anglerkettenentwurf von 2008


oben // das Anglerflechtwerk beginnt


oben // fertige Anglerkette mit Knoten, mal sehen, ob was anbeißt


oben // die Anglerkette kuschelt sich an die Meeresbrisenwendejacke


oben // damit die Kette nicht alles leer fischt, kommt sie jetzt auf und um den Kopf als buntes Stirnband mit lustigen kleinen Neonhüten

Du willst mehr über die Meeresbrisenwendejacke erfahren oder deine Erinnerung auffrischen?
Herkunft, Geschichte und Transformation der sportiven Trigemajacke gibt es hier auf die Schnelle zum Nachlesen:
'Produkt Nr.8: Meeresbrisenwendejacke in sportiv'.



1988 // v.r. Jule und Ich, am Strand von Usedom. Neben uns ein Strandkorb, reserviert von Omas Betrieb, Autobahnbaukobinat (ABK Weimar) für fleißige Betriebsurlauber

Mittwoch, 20. Februar 2008

Produkt Nr.8: Meeresbrisenwendejacke



Herkunft:
1988 // aus Westpaket
Aus dem Bilderarchiv:


1988 // v.r. Oma in Trigemajacke, Mama, Jule, Opa, Ich in Papas Jacke. Auf Usedom, erster Urlaub in der Finnhütte von Omas Betrieb: Autobahnbaukombinat
Geschichte:
Diese Jacke der Sportmarke Trigema ist eigentlich eine Herrenjacke und gehörte einst dem ersten Mann von Anita Finkbeiner, einer Bekannten aus Westdeutschland. Ihr Mann hieß Uli Finkbeiner und war Markler. Leider verstarb dieser in jungen Jahren und auf tragische Weise an einem Virus, den er sich vermutlich in Malaysia eingefangen hatte.
Nach und nach verschenkte Anita Finkbeiner die Kleider ihres verstorbenen Mannes an Verwandte und Bekannte und bedachte auch Oma und Familie in Form eines Kleiderpakets. So kam unsere Familie in Besitz dieser Trigemajacke und zweierlei Poloshirts von Lacoste. Die Kleidung war hochwertig in Schnitt und Stoff, richtige Markenware eben. Doch Marke hin, Marke her, Opa mochte die Jacke nicht leiden und Christiane fand sie uncool. Da nahm die liebe Oma, die den Tragekomfort der Jacke sofort erkannte, diese an sich und trug sie gerne und oft. Noch heute schwärmt sie von der leichten aber wärmenden Jacke, die so schön kuschelig mit ihrem weißen Frotteefutter, jeder Meeresbrise standhielt. So war die weiße Trigemajacke, eigentlich ja für Herren, Omas treuster Begleiter bei allen Spaziergängen in Windstärken von 0 bis 10 und hüllte sie stets sportlich anmutend in Wärme und Wohlgefallen, wenn diese nur in die Nähe eines Meeres kam.
Schweren Herzens trat Oma, nach etlichen Überredungsversuchen, ihre geliebte Trigemajacke an die nervende Enkelin ab.


oben // die liebe Jacke war oft getragen und halb demoliert, ich verarzte nach allen Regeln der Kunst und nähe alte Wunden zu


oben // nun folgen 52 Stunden maritime Stickerei in neon, das Innenfutteraquarium füllt sich stetig


oben // ein Fisch kommt selten allein



oben // auf den ersten Blick scheint die liebe Jacke immernoch die alte, obgleich repariert und aufpoliert, Innen aber toben die Fische mit den Quallen und feiern ein kleines, feuchtfröhliches Fest



oben // Meeresbrisenwendejacke gewendet, alle Meerestiere sind außer Rand und Band, bekommen sie doch nicht jeden Tag Frischluft an die Kiemen



oben // fertige Meeresbrisenwendejacke
Transformation:
Wie bereits erwähnt, war die liebe Jacke ursprünglich eine sportliche Windjacke für Herren.
Oma ignorierte forsch alle Geschlechterrollen und gewöhnte die Trigemajacke an weibliche Rundungen. Daher ist die Jacke heute unisex und freut sich über alle Träger ganz vorbehaltslos, egal ob Männlein oder Weiblein. Doch braucht die Jacke zum Überleben eins mehr denn alles andere, nämlich den Wind in all seinen Varianten und Ausführungen und, nicht zu vergessen, ab und zu ein wenig Meeresbrise. Wenn dies der Jacke nicht vergönnt ist, geht sie ein und erkrankt ganz fürchterlich. Das merkte ich deutlich, denn sie
war schon halb zerschunden, als ich sie zuletzt in den Händen hielt. Meine Schwester hatte sie ausgeliehen und nur ganz leicht vernachlässigt, schwups, schon riss eine Naht und der Verfall begann. Nun kann man sie ja reparieren die Jacke und austragen, wenn ein Wind um die Häuser pfeift aber nicht immer ist ein Meer zur Stelle, welches die Jacke mit einer kräftigen Meeresbrise stärkt und alt werden lässt. Was tun?
Eigentlich ganz einfach, wenn die Jacke nicht zum Meer kommt, muss das Meer eben zur Jacke kommen. So dachte ich und begann, noch guter Dinge, eine neonfarbene Unterwasserwelt ins weiche Frotteefutter der Jacke zu sticken. Nach fast 4 Tagen Stickmarathon musste ich pausieren, denn meine Finger waren kaputt und ich schraubte, mein Ziel, dass komplette Innenfutter in ein Meeresaquarium zu verwandeln runter auf unzählige Fische, Quallen und exotische Meeresbewohner, die nun (nur) den unteren Teil des Innenfutters bewohnten, dies aber wenigstens einmal rundherum.
Sobald der letzte Stich getan, atmete die Jacke auf und sah sogleich viel jünger und frischer aus, wie aus der Kur. Die bunten, unzähligen Meerestiere tummelten sich im Innenfutter und versprühten eine ganz leichte, kaum merkliche aber konstante Meeresfrische. Einfach wunderbar.