


Herkunft:
1987 // Blumenstoff aus Westen, genäht im Osten
Aus dem Bilderarchiv:

1987 // v.r. Mama, Oma im Blumenkleid, ich mit Hase und Zylinder, Sebastian mit Papiermaske, Uli (Nachbarsfreund), Oma Dorit. In unserem altem Wohnzimmer in der Belvederer Allee.
Geschichte:
Wenn man 1987 ein Kleid kaufen wollte, dann ist man nicht wie heute üblich, einfach in ein Bekleidungsgeschäft gegangen, hat sich von der Stange was ausgesucht, anprobiert und bei Gefallen gekauft. Damals gab es sehr wenige Geschäfte die überhaupt Konfektionskleidung angeboten haben. Wenn man ein Kleid haben wollte, ging man in ein Stoffgeschäft, die gab es nämlich häufiger, suchte sich einen Stoff aus und ließ sich, beim Schneider des Vertrauens, gewünschtes Kleidungsstück auf den Leib schneidern. Wenn man fingerfertig war und die Hausfrauenschule artig absolviert hatte, konnte man den Stoff natürlich auch selbst vernähen, vorausgesetzt man hatte eine Maschine. Nun war die Stoffauswahl im Osten der späten 80er nicht gerade reichhaltig und man freute sich über jedes eintrudelnde Westpaket, dass Stoffe oder Kleidung inne hatte. Unser farbenfroher Blumenstoff befand sich in einem eben solchen und wurde von Oma persönlich zu Schneider Lessnick nach Buttstädt gefahren, um von diesem in ein alltagstaugliches Stadt- und Landkleidchen umgewandelt zu werden.
Nun muss man dazu sagen, dass unser Blumenstöffchen im Muster zwar herzallerliebst, im Stöffchen aber nicht von edelster Qualität war, so dass das neue Kleid im Blumenmuster von Oma nur selten bis gar nicht getragen wurde und wenn, dann eher an weniger edlen Festtagen und innerhalb des Hauses. Der Stoff bot Oma einfach zu wenig Tragekomfort und war ihr an manchen Tagen optisch zu wagemutig. So fristete das Kleidchen, zwar maßgeschneidert aber ungeliebt, viel Zeit im Schrank und nutzte diese um nachzudenken.



oben // erste Amtshandlung, ich zerlege das Kleid in seine Einzelteile



oben // ein altbekanntes Stöffchen hilft die Wärme zu dämmen und wird fein säuberlich eingenäht






oben // Blumenmuster von allen Seiten festnähen, großes Absteppfinale



oben // ein Henkel aus Neon für jeden Lappen



oben // fertige Lappen in trauter Zweisamkeit an ihrem neuen Platz in meiner Küche
Transformation:
Oma gab mir selten ein Kleidungsstück so bereitwillig und schnell heraus, wie dieses grüne Blumenwiesenkleidchen.
Ungeliebt, tieftraurig und ein wenig stocksauer kam es in meine Obhut. Was macht man nun mit solch verstörtem Geschöpf? Zunächst behutsam trösten und aufmuntern, vielleicht 1-4 Witze erzählen und wenn alles nichts hilft, gibt man ihm eine neue Aufgabe und somit neuen Lebensmut.
Trösten und Witze versagten kläglich und ich überlegte lange und ausdauernd in mich hinein, welch neue Aufgabe dem Blumenkleid zuteil werden könnte. Durch die Schroffheit des Stoffes war es unangenehm zu tragen, da musste ich Oma wirklich Recht geben. Auch war das Blumenmuster, damals vielleicht hip, heute jedoch eher mega-out, weil visuell anstrengend für alle, die nicht jeden Tag von 70er-Jahre-Party träumen. Das Kleidchen brauchte also eine neue Funktion als Nichtkleidungsstück.
Da es früher eher im Haus als Außerhalb getragen wurde, und ich es nicht gleich überfordern wollte, denn es war wirklich in einem fürchterlich labilen Zustand, beschränkte ich den Wirkungsgrad der neuen Aufgabe auf den innerhäuslichen Bereich. Und da mir die Küche der liebste Raum des Hauses ist, wählte ich diese als neues Zuhause für unser verstörtes Musterkleidchen. Wenn man in meiner Küche neuen Stoff unterbringen möchte, bleiben einem nicht viele Möglichkeiten. Genauer gesagt, es gibt exakt 4 Möglichkeiten: Tischdecke, Putzlumpen, Geschirrtuch und Topflappen. Ok, die Entscheidung viel mir dann doch leicht, neue Aufgabe des labilen Blumenmusterkleidchens: Topflappen. Dieser Transformationsvorschlag brachte das Kleidchen zu einem neuen Gefühlsausbruch, diesmal aber positiver Art und Weise. So heulte es von Neuem, diesmal vor Glück. Es hatte auch allen Grund dazu, lernte es nicht nur einen zweiten Stoff, nämlich den von Omas Steppmorgenmäntelchen kennen und lieben, es war auch zum neuen Küchenstar erkoren, denn Topflappen sind in meiner Küche omnipräsent und stets Blickfang. So ging die Transformation problemlos von Statten und das kleine, traurige Kleidchen wurde viergeteilt, vorgestellt (dem Morgenmantelstoff sowie der Neonwolle), abgesteppt und wartet nun ungeduldig aber glücklich auf die erste Inbetriebnahme als Topflappen in meiner Küche.













































