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Herkunft:
1963 // Stoff aus Reutlingen (Westen), genäht bei Schneider Lessnick in Buttstädt (Osten)
Aus dem Videoarchiv:
2008/01/10
Geschichte:
Nun waren die Winter damals ja strenger als heute. Überall lag Schnee. In ganz Thüringen.
Oma, eine sportbegeisterte Frau, wünschte sich nichts sehnlicher als eine Skihose aus gutem, modernem Stretchstoff in sattem Tanngrün. Doch woher solch wunderbares Stöffchen nehmen, wenn nicht aus dem Westen bestellen? Gedacht, getan, Oma gab ihre Stoffbestellung an die Reutlinger Verwandschaft weiter und nach einiger Wartezeit traf eben gewünschtes Stöffchen wohlbehalten und gut riechend bei Oma ein. Diese, beglückt und voller Vorfreude, stattete Hausschneider Lessnick in Buttstädt (nahe Weimar) sogleich einen Besuch ab. Dort angekommen, wurde Oma abgesteckt und Maß genommen. Schneider Lessnick aus Buttstädt, war gewissenhaft und nähte gerne Extrawünsche, wie Reithosen und Skibegleitung aus supermodernem Stretchstoffen in Tanngrün.
Die neue, schicke Skihose war wunderbar. Sie gleitete an Oma auf alten DDR-Skiern (halb Langlauf-, halb Abfahrtsski) durch das tief verschneite Weimarer Land, klein Gerhard (Papa), gerade vier Jahre alt, und wirklich tapfer mithaltend, im Schlepptau. Oma war ausdauernde Langläuferin und treibende Kraft bei zahlreichen Skiurlauben im winterlichen Friedrichroda. Dort nächtigte die ganze Familie im Ferienheim vom Weimarwerk, Opas altem Betrieb. Einen Winter war dort sogar die Nationalrodelmanschaft der DDR untergebracht und hauchte allem einen kleinen aber echten Glamour ein.
Winter kamen, Winter gingen, Oma wurde älter und auch etwas fülliger, die geliebte Skihose passte nicht mehr.
Doch ließ sich Oma auch diesmal nicht schrecken und fasste kurzer Hand zur Schere. Sie schnitt die Hose am hinteren Bund. Der Schnitt, präzise und direkt, wurde an beiden Kanten sogleich fein säuberlich gesäumt, die Kanten durch ein kleines, freundliches Gummiband wieder vereint. Fertig war die Oma, passend war die Hose.
Sie saß wie eh und je. Ganz bequem und gerade richtig wärmend, kleidete sie Oma durch viele winterliche Landschaften.
Im Winter 2004 waren beide, Oma und Hose, das letzte mal zusammen auf Brettern unterwegs.
Dann wars vorbei, mit Skifahren, der Hose und schneereichen Wintern in Thüringen.
oben // die treue Hose trifft auf Frau Wolle


oben // Arbeitsschritte einer neonfarbenen Stickschneeflocke
oben // die erste Schneeflocke von 33 insgesamt


oben // sie wachsen und gedeihen und offenbaren schon jetzt ihre hervorragend reflektierenden Eigenschaften für mehr Sicherheit im Langlaufverkehr
oben // Felix hatte Ärger mit Frau Wolle

oben // anwachsende Schneeflockenschaar bis hin zur Vollendung


oben // 'Got a pocket full of snowflakes' und hinten thront das Gummiband
Transformation:
'Got a pocket full of rainbows', sang Elvis einst. Nicht das Oma gerne Elvis hörte, aber gibt es zwischen diesem Song und unserer Skihose doch eine gewisse Verbindung. Tauscht man nur ein Wort, und singt, statt 'got a pocket full of rainbows', 'got a pocket full of snowflakes (in rainbowcolours)', dann kommt man dem neuen, bunten Lebensgefühl der alten Skihose recht nahe.
33, liebevoll, in ausdauender Handarbeit gestickte Schneeflocken zieren nun bunt, ja neonfarben Omas treue Skihose und hauchen ihr längst vergessene Glücksgefühle ein. 'Du wirst wieder Ski fahren', das habe ich ihr leise ins linke Ohr geflüstert, bevor ich sie mit der großen Nadel zum ersten Mal pikste. Treu und ehrfürchtig glaubte sie mir und weinte kaum, wusste sie doch, dass es mir ernst war. Einmal haben wir schon geübt, letztes Jahr im Thüringer Wald bei minder guten Schneeverhältnissen. Wir haben uns auf Anhieb gemocht, wir beide, und wir freuen uns schon jetzt auf zukünftige, wunderbare Langlauftouren durch seichte Winterlandschaften. Beide freuen wir uns vor und sind stolz auf jede einzelne Flocke. Haben die neonwollenen Schneesterne doch eine reflektierende Eigenschaft, leuchten hell und unaufhaltsam sicher bei zwielichtigen Rahmenbedingungen. Gut, dass wir Winter und gute Laune haben, so singen wir lauthals zusammen: 'Got a pocket full of rainbows'. Fehlt nur noch der Schnee.
Jetzt anhören, sich gedanklich auf Langlaufskiern im verschneiten Thüringer Wald befinden und mitfreuen:
'Got a pocket full of rainbows'
2007/11/27
1963 // Papa, der tapfere Skifahrer, übt in Omas Hausgarten für große Touren
2008 // Neonwolle für Produkt Nr.5
Die Farben: Neongelb, Neonorange, Neongrün und Neonpink, auch wenn der Scanner hier völlig anderer Meinung war.
1987 // v.r. Mama, Oma Annemarie, ich mit Hase und Zylinder, Sebastian mit Papiermaske, Uli (Nachbarsfreund), Oma Dorit, Opa Christoph, Julchen, Opa Oskar.
An Julchens 1. Geburtstag in unserem alten Wohnzimmer in Weimar. Mamas roten Strickpulli, von Oma Dorit gestrickt, trage ich heute wieder (zusammen mit schwarzen Hosen zum Weggehen).







Herkunft (Lampe):
1985 // gekauft von Oma im HO-Geschäft 'Magnus' am Theaterplatz (Weimar)
Herkunft (Kleid):
1986 // aus WestpaketGeschichte (Lampe):
Als Oma 1985 im Autobahnbaukombinat beschäftigt war und gerade die A9 baute, musste sie an einem Preisausschreiben der deutsch-sowjetischen Freundschaft, eine damals propagandistische Vereinigung des Staates, teilnehmen. Dieses Preisausschreiben fand einmal jährlich statt und lockte mit einer spitzen Reise in die Sowjetunion als Hauptpreis. Nun ist Oma ja ein ehrgeiziger Mensch und reiselustig noch dazu, zwar nicht Mitglied im deutsch-sowjetischen Freundschaftsverein, dennoch versuchte sie ihr Glück. Die kniffligen Fragen des Preisausschreibens umfassten allerhand Themen und Zahlen rund um die Sowjetunion, über Land und Leute. Die meisten konnte Oma aus dem FF. Für die, die sie nicht auf Anhieb wusste, rannte sie in die Stadtbücherei und wälzte Bücher, bis ihr Wissensdurst gelöscht und alle Fragen in Rekordzeit gelöst waren. Nun war es aber so, dass die lieben Genossen und Genossinnen des deutsch-sowjetischen Freundschaftsvereins im Jahre 1985 beschlossen hatten, ausnahmsweise mal keine tolle Reise in die Sowjetunion zu verschenken sondern stattdessen einen Geldpreis, in Höhe von 300 Ostmark, auszuzahlen. Nun könnt ihr es euch schon denken, Oma hat gewonnen. Nach einer kurzen Zeit der Enttäuschung, denn sie reist wirklich gern, fasste sie sich ein Herz und ging geradewegs in die Stadt, um das gewonnene Geld auf den Kopf zu hauen. Im HO-Geschäft (HO=Handelsorganisation) 'Magnus' beim Theaterplatz, Ecke Schillerstraße, da wo heute der Frischback-Bäcker sitzt, kaufte sie für Christianes Jugendzimmer diese wunderbare Stehlampe in Orange und einen großen, sehr praktischen Reisekoffer mit edlen Sicherheitsschnallen für sich. Der Koffer war bis heute noch nie mit Oma auf Reisen, ist aber dennoch in ständiger Benutzung, da Oma dort im Winter ihre Sommerkleider und im Sommer ihre Winterkleider aufbewahrt. Ja, noch immer!
Geschichte (Kleid):
Das Kleid stammt aus einem der vielen Westpakete, die unsere westdeutsche Verwandtschaft aus Reutlingen regelmäßig zuschickte. Alle ausgetragenen, aussortierten Kleider der 'Reutlinger' traten damals diese Reise nach Weimar an. Schön verpackt und zugeschnürt, schickten sie jegliches Kleidungsstück ohne Vorsortierung. Nun war klar, dass es auch Kleidungstücke gab, die keiner mehr tragen wollte, auch nicht wir Ostdeutschen. So auch dieses Kleid.
Verbannt aus dem Westen, kam es 1986 nach langer Paketreise endlich im Osten an, um gleich erneut verbannt zu werden, denn keiner wollte es haben, weder Christiane, noch Oma. Letztere beförderte dann das ungeliebte Kleidchen direktemang auf den Dachboden zu all dem anderen Ausrangierten, Ungeliebten und leise Weinenden.


oben // weg mit dem altem Hut

oben // der Schirm in seinen Einzelteilen, Abschied von DDR-Orange.


oben // erste, annähernde Leuchtproben mit dem lieben Kleid





oben // Kürzung des Kleides und Festnähen der Knopfleiste (die soll nämlich auch mitmachen)


oben // was erst aussieht wie eine Überdecke für Volieren, wird dann hübsch an den Schirm angepasst

oben // ...und fertig, einmal ohne Knopfleiste, einmal mit (einfach nur gedreht, der Schirm)

oben // deutsch-sowjetische Freundschaftsleuchte aus und an


oben // 'Wohnfühlbeispiele' der Freundschaftsleuchte
Transformation:
Nun mag man sich fragen, was an der Leuchte noch deutsch-sowjetisch sein soll, außer der Tatsache, dass diese mit Preisgeld eines deutsch-sowjetischen Freundschaftsgewinnspiels bezahlt wurde. Da antworte ich ungeniert und kurz und knapp: nichts.
So lassen wir dies auch getrost beiseite und widmen uns dem idyllischen 'Wohnfühlgefühl', welches die überschriebene Produktbeschreibung bereits ankündigt. Das Nichtwort 'wohnfühlen' soll zusammengekürzt für ein wohliges Wohngefühl stehen. Das heißt, ich wohne und fühle mich wohl, behaglich, angenehm umschmeichelt. Nun war der orangefarbene Schirm, der vor 22 Jahren gekauften Lampe, damals wunderbar 'wohnfühlig', in typischer DDR-Manier allerdings. Ein warmes, orangefarbenes Licht schmeichelte dem Raum und machte ihn zu einem behaglichen, leicht schlüpfrigen Ort.
Mit den Jahren allerdings, verlor der Lampenschirm gehörig an 'Wohnfühlcharakter', da Staub und Sonnenlicht dem DDR-Stöffchen schwer bis mittelschwer zusetzten, es verblassen und ergrauen ließen.
Es wurde also höchste Zeit für ein neues Äußeres, ein frisches Stöffchen, quasi ein Facelifting. Weg mit dem alten Hut, dem muffigen DDR-Orange.
Und die Lampe gab mir recht. Nach 22 Jahren kann man ruhig mal was anderes sehen als immer nur dekoratives DDR-Einheits-Orange. Zwar schrie sie laut und schrill als ich sie von ihrer Orangenhaut befreite, dass ich erschrocken, ja fast verkrampft zusammenzuckte. Zu meinem Erstaunen war der Stoff am Schirmgestell mit superstarkem DDR-Leim festgeklebt und zog beim Ablösen auch das Schirmgestell leicht in Mitleidenschaft. Ich machte es aber kurz und schmerzlos, so als würde man einem Kind ein Heftpflaster vom Knie oder einer menschlichen Geisel den Klebestreifen vom Mund ziehen.
Ganz nackt und leicht verletzt stand nun das 22 Jahre alte Lampenschirmgestell vor mir und damit es nicht lange zu frieren brauchte, stellte ich ihm sogleich sein neues, wunderbares Stöffchen vor, welches mir ein liebes, zutiefst verzweifeltes Westpaketkleidchen ganz freiwillig zur Verfügung stellte.
Da das liebe Kleidchen nichts aber auch gar nichts kannte, außer westdeutschen Verwandschaftskörpern, ein Westpaket von Innen sowie Omas Dachbodenschrank (auch von Innen) und daran fast zu Grunde ging, schrie es laut: Nimm mich, als ich zufällig nach freiwilligen Lampenschirmstoffen suchte. Ich fand es auch sogleich überaus geeignet, da mich das Kleidchen, aufgrund seines Aufdruckes doch extrem an Papas alte und 'wohnfühlige' Fototapete erinnerte.
Deutlich sah ich sie vor mir, die Tapete, eine schwarz-weiße Flusslandschaft mit Bäumen auf 3x2 Schrägwandmetern. Papa hatte diese 1977 eigenhändig in seinem alten Jugendzimmer unterm Dach angebracht. Gekauft in Dresden und als Liebesbeweis für Sylvia, die er ebenfalls 1977 im Ostsee-Ferienlager vom Weimarwerk, kennen lernte. Beide waren 19 und dort als Betreuer tätig, Papa für die Jungs-, Sylvia für die Mädchengruppe. Diese Sylvia-Fototapete hing nun ewig, bestimmt 15 Jahre, bis Oma und Opa, die diese nie sonderlich mochten, durch eine hässliche Allgemeintapete ablösten.
So kamen diese schönen Wandtapetenerinnerungen doch sogleich in mir hoch als ich das unglückliche Westpaketkleidchen in meinen Händen hielt. Ein perfektes Stöffchen also für ein 'wohnfühliges' Wohnaccessoire, wie unsere liebe Stehlampe. Das Kleidchen zierte sich auch nicht lang und war Allzeit bereit für einschneidende Veränderungen und Kürzungen. So verlief der Rest der Transformation überaus harmonisch, denn beide, Kleidchen, wie Lampe mochten sich auf Anhieb. Es war ein Geben und Nehmen. Das Kleidchen hatte nun endlich eine neue Aufgabe als Lampenschirm und ward sogar von Innen erleuchtet, die Lampe bekam ein neues, frisches und wohlriechendes Kleidchen, welches, wegen seiner schönen Aufdrucke, so viele Fantasien und Geschichten freisetzte, dass die Lampe und ich uns lange nicht satt sehen konnten.
Und weil das Kleidchen mir und der Lampe soviel Schönes schenkte, habe ich ihm, als ernst gemeintes Dankeschön, seine Knopfleiste gelassen, eine kleine, feine Erinnerung an frühere Kindheitstage als Westkleid.