Donnerstag, 7. Februar 2008

Produkt Nr.7: Ein-Hauch-von-Missoni-Leggings



Herkunft:
1983 // von Oma in Suhl
gekauft
Aus dem Bilderarchiv:

1983 // v.r. Oma, ihr Bruder Hans und ihre Schwester Grete. Oma und Grete sind das erste Mal im Westen, mit Sondergenehmigung bei ihrem Bruder Hans zum 70. Geburtstag
Geschichte:
Als Oma im August 1983 endlich ihre staatliche Sondergenehmigung für einen 6 tägigen Westaufenthalt bekam, überlegte sie im Detail genau, welche Kleiderauswahl mitfahren durfte. Und weil das erste Mal Westen nach dem Mauerbau was ganz besonderes war und zu alledem ihr Bruder Hans seinen 70. Geburtstag feierte, wollte Oma kleidertechnisch natürlich ganz besonders glänzen. Deswegen setzte sie sich auch in den Bus nach Suhl (immerhin 85 km von Weimar entfernt), um sich das Kernstück ihrer Reisegarderobe zu besorgen, ein außergewöhnliches Sommerkleid.
Es musste ausgefallen, aber auch schick sein, man wollte ja was hermachen im Westen. Suhl, damals Bezirkshauptstadt, hatte in Sachen Mode einfach mehr zu bieten als Weimar. Hier waren die Läden bestückt mit dem, was der Osten an moderner Mode so zu bieten hatte. Oma ging also von Ladengeschäft zu Ladengeschäft und probierte mal hier mal dort. Kurz vor der Heimfahrt fand sie es dann, ein buntes, zickzackgemustertes Sommerkleid mit dazu passendem Stoffgürtel. Beides aus Kunstfaser gefertigt und absolut knitterfrei. Der Kunstfaserstoff ward damals häufig und gern verwendet für Kittelschürzen und Tragebeutel. Zwar hat er nicht den angenehmsten Tragekomfort, war
aber wahnsinnig trendy und dazu noch pflegeleicht.
Das Kleid machte jedenfalls was her und Oma fand es perfekt für ihren ersten, sommerlichen Ausflug in den Westen. Sie trug es mit stolz auf Hans Geburtstagsfeier und verewigte es auf oben stehendem Geschwisterfoto. Dieses Foto gehört, seit ich denken kann, zu Omas fester Wohnzimmereinrichtung. Es steht ganz oben auf ihrem Regal, neben einer Schlingerpflanze, die nach unten wächst und überblickt jegliches Wohnzimmergeschehen. Es ist ein sehr wertvolles Bild für Oma, zeigt es doch beide Geschwister, beide bereits verstorben.
Aber Oma ist nicht traurig, wenn sie dieses Bild betrachtet. Ganz im Gegenteil, ist es doch ein schönes Bild, aufgenommen an einem schönen, sommerlichen Tag im Westen, die drei Geschwister vereint und sie in einem schicken Kleid. Kurz, eine wunderbare Erinnerung an längst vergangene Tage.


oben // unser liebes Muster (links) im Vergleich mit Missoni (rechts), ein sehr traditionelles, italienisches Modelabel, welches Zickzack und bunte Muster als Markenzeichen hat >> www.missoni.com


oben // ich baue mir eine Nähvorlage aus einer lila Leggings, die allzu oft unartig gewesen war


oben // unser Kleid wird fein säuberlich aufgetrennt und abgelegt


oben // 2x Schablone auflegen und mit Stift umranden


oben // 2x an Linie ausschneiden, 2x Einzelbein abstecken, proben, genaustens nähen (mit elastischer Naht) und 2x bange anprobieren, denn könnte ja zu eng geworden sein


oben // nach Zusammenführung der Einzelbeine, hat das Gummi seinen Auftritt und wird 3x ein und wieder aus und wieder eingefädelt, bis es sitzt

oben // das ehemalige Kleid bekommt als Andenken an frühere Zeiten sein altes, geliebtes Schildchen zurück



oben // sie ist eng, aber besser als ich gedacht habe. Ich mag sie und sie mich.


oben // Ein-Hauch-von-Missoni-Leggings von vorne und hinten
Transformation:
Ich weiß, dass nicht jeder sofort an das Modelabel Missoni denkt, wenn er unser liebes Muster erblickt. Aber ich hatte sofort diese Assoziation. Und ich musste innerlich etwas schmunzeln, da unser Ostkleidchen ja alles andere ist, als ein feines, traditionelles Musterwerk, gefertigt aus edelsten, italienischen Stoffen. Nein, es ist aus Kunstfaser, billig anmutender Kunstfaser, die heute wahrscheinlich niemand mehr freiwillig kaufen würde. Aber eben dieser Kunstfaserstoff war am Ende ausschlaggebend für die Transformation vom Kleid zur Leggings. Da die Kunstfaser sich gerne dehnen lässt und sie als Kleid dies nie wirklich auskosten konnte, haben das Kleid und ich zusammen überlegt, was wir neues aus ihm machen könnten. Nach vielen Vorschlägen, wie z.B. kürzeres Kleidchen, Halstuch oder Triangelbikini, kamen wir auf Leggings. Die Leggings, der Inbegriff sportlicher Eleganz und seit den 80ern auch straßentauglich, ist der heimliche Wunschtraum aller elastischen Stoffe. Jeder von ihnen hofft darauf, irgendwann einmal, in Form einer Leggings die Welt zu erobern. Ich sagte dem Kleidchen, das das schwierig werden könnte, da Leggings und Hosen im Allgemeinen schwer zu nähen sind und wir den Triangelbikini auf jeden Fall als Zweitlösung im Hinterkopf behalten sollten. Das Kleid nickte, dann begannen wir mit der Transformation.
Alles lief wider Erwarten völlig problemlos und ging, zwar langsam, aber stetig voran. Wir arbeiteten konzentriert und präzise, das Kleid und ich. Es war einfach wunderbar.
Bei der finalen Anprobe hielten wir beide kurz den Atem an, wenn jetzt etwas zu eng geraten war, hätten wir doch noch einen Triangelbikini aus der verhunsten Leggings nähen müssen. Aber alles ging gut, die Leggings passte. Sie war (fast) nicht zu eng. Und vor lauter Freude probierte das ehemalige Kleid, nun in seiner einstigen Wunschtraumform, an mir ein paar ersten Sport- und Gymnastikübungen. Es war das erste Mal als 'Ein-Hauch-von-Missoni-Leggings'.

Keine Kommentare: