



Herkunft:
1979 // von Gabi aus dem Westen
Geschichte:
Gabi, eine Verwandte aus dem Westen, nähte sich dieses Kleid damals selbst und verschenkte es dann 1979 an die modisch benachteiligte Ostverwandtschaft.
Kaum bei Oma angekommen, schloss diese das edle Kleidchen sogleich in ihr Herz und Schrank, waren so feine Stoffe doch außergewöhnlich selten zu damaligen Ostzeiten und quasi ein extravagantes Schmuckstück. Außerdem liebte Oma Kleider mit durchgängigen Knopfleisten, diese standen ihr einfach am Besten. Da das seidene Kleidchen aus dem Westen nun höchst kleidsam und kostbar, gleichzeitig aber auch schmutztechnisch recht sensibel und nicht leicht in der Pflege war, kam dieses nur zu ganz besonderen Anlässen aus dem Schrank.
Ganz besondere Anlässe waren für Oma und das Seidenkleid zweifellos die innerstädtischen Theaterbesuche.
Hier galt es sich schick und mondän der Öffentlichkeit zu präsentieren, die dargebotene Vorstellung zu genießen und später, Sektchen schlürfend, zu diskutieren. Doch zahlreiche Theaterbesuche waren damals nicht Jedermann vergönnt. Oma hatte das seltene Glück, eines der so heiß begehrten DDR-Konzertanrechte mitnutzen zu können. Ein Konzertanrecht zu haben, bedeutete, dass man 10 Jahre lang, von einem fest zugewiesenen Platz 2x jährlich festgelegte Vorstellungen, wie Symphoniekonzerte, besuchen konnte. Nicht jeder kam in den Genuss eines solchen Konzertanrechts.
Oma besaß keins, aber ihre freundliche Nachbarin. Wenn diese Nachbarin mal verreist und dann später zu alt zum Laufen war, überschrieb sie Oma ihren angestammten Sitzplatz: Platz 13, 2. Rang, mit Blick auf die gesamte Staatskapelle.
Das seidene Kleidchen war also lange Omas edelstes Theaterkleid. Mit durchgängiger Knopfleiste, bekleidete es sie stilvoll und seiden durch so manche Theatervorstellung und etliche Symphoniekonzerte der Weimarer Staatskapelle.
Auch heute geht Oma noch 2x jährlich zu ihren Symphoniekonzerten, diese finden nun aber nicht mehr im Weimarer Nationaltheater, sondern in der neueren Weimarhalle statt, angeblich wegen der vorteilhafteren Akustik. Auch trägt sie zu ihren Theater- und Weimarhallenbesuchen keine durchgängig knöpfbaren Seidenkleider mehr, sondern lieber Hosen, welche heutzutage ja auch schick sein können. Überhaupt trägt Oma kaum noch Kleider. Sie trägt jetzt am liebsten Hosen, Röcke und damit kombinierbare Oberteile, deswegen übergab sie das Seidenkleid in meine Obhut.

oben // erstmal grob abschätzen, wo man am besten den Blouson vom überschüssigen Reststoff trennt



oben // eine große Portion Mut und ein kleiner Schmerz (auf Seiten des Kleides)



oben // da der feine Seidenstoff vor lauter Unwillen stark ausfranzt, muss erstmal gesäumt werden und dann geprobt, ob nicht vielleicht doch zu kurz abgeschnitten



oben // das Gummiband, gekauft im Nähgeschäft meines Vertrauens, soll den widerspenstigen Stoff in Zaum halten



oben // erste Stecknadelproben und die Frage: Wie soll das liebe Bündchen denn nur aussehen?




oben // es wird ernst, der feine, kleine Seidenstoff ziert sich reichlich und verzeiht keine Missgeschicke. Meine treue Nähmaschine und ich bleiben gelassen und machen das Gummiband dingfest.



oben // das Blousonbündchen in den letzten Zügen zur Vollendung, das Stöffchen wehrt sich nur noch leise und kaum merklich




oben // der feine Theatralische Seidenblouson, vollends gezähmt, im Blitzlichtgewitter



oben // alle fertigen Varianten des Theatralischen Seidenblousons
Transformation:
Soviel Kultur tut manchmal nicht gut, und wenn man dazu noch seiden ist, kann man leicht in die Hochnäsigkeit abtriften und sich für etwas Besseres halten.
Kurz, ich hatte es anfangs recht schwer mit dem verwöhnten und höchst störrischen Kleidchen.
Erst wollte es nicht mitkommen, weil es hoffte, noch weitere 10 Jahre lang, 2x jährlich mit Oma das Symphoniekonzert vom Sitzplatz 13, 2. Rang hören zu können. Dann sträubte es sich nach allen Regeln der Kunst vor jeglicher Transformation. Manchmal dachte ich etwas ärgerlich daran, es einfach im Schrank verrotten zu lassen, bei dem ganzem Theater.
Aber ich lies nicht locker und nach besänftigender, klassischen Musik war es endlich für ein erstes vernünftiges Gespräch bereit. Ich erklärte ihm ruhig und sanft tönend seine momentane Situation und mein Vorhaben. Danach erkannte es wohl, dass nur ich und die Transformation es vor ewigem Schrankdasein retten würden und ich konnte, nach großem Zeitverlust, mit der Transformation beginnen.
Es schrie ein letztes Mal als ich die Schere zückte, dann war es still. Endlich. Anscheinend hatte es sich langsam mit der neuen Situation abgefunden. Nur das extreme Ausfranzen des Stoffes zeugte noch von seinem stillen Unmut. Doch ich säumte es sorgfältig und mit Hilfe eines neuen, schwarzen Gummibands und meiner treuen Nähmaschine verwandelte ich langsam aber sicher das seidene Kleidchen in einen seidenen Blouson.
Das Kleidchen musste Stoff lassen, ohne Frage, doch ist es in neuer Form des Blousons nicht weniger schick. Es hat sogar dazugewonnen, nämlich eine enorme Wandlungsfähigkeit. So kann unser Theatralischer Seidenblouson, je nach verschiedener Kombination, in einem Moment sportlich, im anderem Moment schlicht und schick und dann wieder lässig und cool aussehen. Ich glaube, das hat unser bockiges Stöffchen nun endlich auch gemerkt, denn es lächelte vorhin heimlich als es sich unbeobachtet fühlte. Mal sehen, wenn es von nun an lieb ist und keine Zicken mehr macht, nähe ich ihm aus seinem Reststoff noch ein passendes Accessoire für Theaterbesuche und andere schicke Anlässe.
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