Zurück aus der Bibliothek, hinein ins Leben.
Nachdem ich nun alle nur auffindbaren Lektüren, die die Unibibliothek über 'Retro', 'Vintage', 'Revival' und 'Erbstück' hergab, durchgeackert habe, versuche ich nun heute und die kommenden Tage ein theoretisches Resümee zu erarbeiten.
Gestern hatte ich ein erstes Treffen mit Oma.
Wir haben über vieles gesprochen, auch über Kleidung. Sie hat noch so viele Schätze im Schrank, will diese aber nicht so richtig rausrücken. Da muss ich mich wohl noch etwas mehr anstrengen.
Um zu dokumentieren hatte ich eine kleine DigiCam dabei.
Ganz zufrieden war ich mit dem Treffen aber nicht. Das lag nicht an Oma, eher an mir. Ich wollte eigentlich ganz gerne drauf los machen, nicht lange Konzepte erstellen, wie ich die Kamera positioniere und welches Licht wir haben wollen und wo Oma sitzt. Es sollte nicht so inszeniert rüberkommen, wenn sie mir ihre Modegeschichten erzählt. Doch da war grelles Gegenlicht und ich filmte die ganze Zeit über aus der Hand. Man hörte Oma ganz leise und mich ganz laut. Da komm ich um ein Richtmikrofon für Oma wahrscheinlich nicht rum.
Problematiken:
Wenn Oma erzählt, ist das für mich natürlich interessant, aber ist es auch für andere? Oma ist ein Mensch, der den Krieg hautnah miterlebt hat, der vertrieben wurde und dann in der DDR lebte. Da gibt es nicht wirklich viele Modegeschichten zu erzählen. Viele Kleidungsstücke, die Oma jetzt noch trägt, stammen aus dem 'Päckchen von drüben', also Kleidung, die von anderen gekauft, getragen und dann ausgesondert wurde. Somit geht ein stück weit die Geschichte der Kleidung flöten und ich kann mich nur noch auf die späteren Kleidergeschichten berufen. Die Geschichten, die Oma in dieser Kleidung erlebt hat. Auch habe ich gemerkt, dass ich mich nicht nur auf Oma beschränken kann. Die Familie muss erweitert werden. Viele Sachen stammen z.B. von meiner Tante Christiane, manche auch von meinem Opa. Opa ist 90 Jahre alt und hat zu Kleidung eher ein minder emotionales Verhältnis. Ihm ist Kleidung nicht so wichtig und ich bezweifle fast, dass Opa noch weiß, wann er was in Kleidung wie erlebt hat. Außer im Krieg vielleicht, weil daran erinnern sich Opas fast immer ganz genau.
Trotz alle dem habe ich gestern bei Oma interessante Geschichten gehört über Vertreibung, Kleidung, Schneiderinnen und Feldhamster, die zu Hauf Omas kostbarsten Mantel im Innenteil zieren. 'Dieser Mantel ist 57 Jahre alt' hat Oma gesagt, als wir auf dem Dachboden in ihrem Haus standen und rumgewühlt haben. Wenn wir uns das nächste Mal treffen schauen wir Fotoalben an und da hoffe ich, dass wir auf noch mehr Geschichten stoßen. Das ergibt sich dann ja meistens.
Der Beschluss, dass meine Arbeit in der Familie bleibt, steht fest. Der Beschluss, dass meine Arbeit nicht nur meine Oma umfasst, sondern auch andere Verwandte mit einschließen kann, ist so gut wie sicher. Ich werde dann vielleicht auch für Oma, Opa, Tante verschiedene Outfits anfertigen oder alles bunt mischen. Zu jeder 'verarbeiteten' Person wird es eine Art Steckbrief geben mit Geburtsdatum, Geburtsort, etc..
Das Bild in meinem Kopf ist noch so unklar. Ich bin oft hin und her gerissen, weil ich nicht genau weiß, wo ich den Schwerpunkt setzten soll. Auf die Kleidung, die ich anfertige, auf das Gefühl, welches ich vermitteln will, auf die Präsentation, Inszenierung im Raum zur Verteidigung?
Wo ist die Verbindung? Was verbindet, eint meine Arbeit? Was macht das Gefühl aus, welches ich gerne übermitteln möchte, nämlich dieses Stolz-Sein-Gefühl wenn ich Kleidung trage, die schon Geschichten erlebt, die Welt gesehen hat? Was macht es aus, familiäre Second-Hand-Kleidung zu tragen? Ist es nur die Erinnerung oder ist es vielleicht noch mehr?
Während ich theoretische Texte zum Thema 'Second-Hand' sowie 'Retro', 'Vintage' und 'Revival' aufgearbeitet habe, ist mir aufgefallen, dass es für das Tragen von Second-Hand-Kleidung in der westlichen Welt viele Ansätze und ganz individuelle Beweggründe gibt. Ob aus nostalgischen, romantischen, abgrenzenden, unterwandernden oder egozentrischen Gründen: 'Second-Hand', 'Retro' und 'Vintage' sind in unserer heutigen Welt feste Instanzen der Modeindustrie und Modewelt. Hier gilt es für mich herauszuarbeiten, was ich zu dem Thema sagen will, was Vintage und Retro für mich bedeuten und dass meine Kleidung zwar 'Vintage' ist, aber auf eine so persönliche Art und Weise, dass sie mich erinnern und lächeln lässt.
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